Helene Hegemann
Roman
In den Medien wird die junge Autorin als neues Wunderkind der deutschen Literatur gefeiert, die meisten Rezensionen drehen sich um die Lebensgeschichte und Ansichten der Verfasserin. Doch auch wer den Trubel um Helene Hegemann nicht mitmachen möchte und sich lieber mit guten Texten beschäftigt, kann bei der Lektüre dieses Buches auf seine Kosten kommen. Die Geschichte um die jugendliche Mifti, die nach dem Tod ihrer Mutter in ziemlich chaotischen Verhältnissen im Berliner Szene-Viertel Prenzlauer Berg wohnt, nach Orientierung, ihrem Weg durch den Alltag mit seinen Versprechungen sucht, ist ein kraftvoller, provozierender, aber auch abgeklärter und kluger Text, der durch die szenenhafte Aneinanderreihung von Erlebnisse wie ein Film wirkt. Der Titel des Buches spielt auf einen Lurch an, der irgendwie in seiner Entwicklung stecken bleibt und "nie erwachsen" wird - ein Bild für den Zustand jener Generation, die in diesem Buch zu Wort kommt. Zwischen Kommune und Kapitalismus wird hier mit beindruckender Sprachmacht eine sehr selbstreflexive Jugendliche gezeigt, die vor dem Abgrund steht.
(vorgestellt am 04.02.2010)
Eduard Mörike, Hannes Binder
Lyrik
Ein sehr bekanntes Gedicht der Romantik ist "Um Mitternacht" von Eduard Mörike (1804-1875), das mit der Zeile "Gelassen stieg die Nacht ans Land" beginnt. Es ist auch das Lieblingsgedicht des Illustrators Hannes Binder, der es in seinem neuen Buch mit ungemein anregenden Schwarz-Weiß-Bildern Zeile für Zeile illustriert. Dabei bebildert er nicht einfach nur die Worte des Dichters, sondern setzt in überraschenden, manchmal recht harten, an Radierungen und Linolschnitte erinnernden Zeichnungen Kontraste, Kommentare oder Assoziationen. Er konfrontiert zeitgenössische Stadtansichten, von starken Hell-Dunkel-Kontrasten lebenden Momentaufnahmen mit dem eher altertümlich anmutenden Text und erreicht damit eine enorme Spannung - von der die Bilder ebenso profitieren wie die Lyrik. Ein kontemplatives Buch, für ruhige Momente - vor allem in dieser eher dunklen Jahreszeit.
(vorgestellt am 04.02.2010)
Philipp Seefeldt
Kinderbuch (ab 5)
Die kleine Ida wohnt in einer großen Stadt (Berlin, um genau zu sein) und lädt die Jungs und Mädchen, die dieses Buch betrachten, zu einem Rundgang ein. Sie zeigt dem Betrachter die Stadt so, wie sie sie sieht und versteht: Da werden Kräne und Brücken zu merkwürdigen Tieren, die Ampel wird von einem unter der Straße schlafenden Faulenzertier gesteuert, der Reichstag mit seiner Kuppel ist eine Schildkröte und der große gelbe Wurm (die U-Bahn) bringt einen zum Hafen der Großstadt, von wo aus das Menschenmeer zu sehen ist... Philip Seefeldts Bilderbuch, eine tolle Mischung aus Collage und ausufernden, detailreichen Bildern mit interessanten Perspektiven, nimmt die Sicht und Entdeckerfreude junger Menschen ernst. Für sein Buch erhielt er den "Meefisch 2009" der Stadt Marktheidenfeld für das beste unveröffentlichte Bilderbuchprojekt im deutschsprachigen Raum.
(vorgestellt am 04.02.2010)
Roger Willemsen (Hrsg.)
Sachbuch
1609 machte sich der schottische Schneider William Lithgow von zu Hause auf - die Brüder seiner Angebeteten hatten ihm die Ohren abgeschnittten und er hoffte, seinen verunstalteten Kopf am besten unter einem Turban verstecken zu können, wie man ihn eben im Orient trug. Zu Fuß ging es folglich los, über Italien, den Mittelmeerraum bis nach Ägypten, später auch nach Spanien. Dass Lithgow keinerlei Lust auf diese Reise hatte, macht die Lektüre heute so herzzereißend amüsant: Der Schotte beschreibt seine (nicht ungefährlichen) Reiseerlebnisse aus einem solchen Überlegenheitsgefühl, mit solcher Arroganz und ohne Rücksicht, dass sie unfreiwillig komisch, zugleich aber auch sehr erhellend sind. Der Text an sich ist bereits für jeden, der gerne reist, eine Vergnügen, zum Genuß wird das Ganze durch die gelungene Übersetzung (Georg Deggerich) sowie durch die schöne Aufmachung des Buches (Illustrationen von Papan, tolle Kommentare des Herausgebers Roger Willemsen).
(vorgestellt am 04.02.2010)
